0020: No Noob Left Behind

Wenn Nerds und Noobs aufeinandertreffen kann der erste Kontakt manchmal etwas holprig verlaufen. Dabei könnte alles so einfach sein.

Hallo und herzlich Willkommen zurück am digitalen Lagerfeuer. Heute habe ich mal wieder etwas, das mir aktuell durch den Kopf geht, weil es innerhalb einer Woche gleich dreimal aufgetaucht ist. Es geht um die Integration von neuen Menschen in das, was ich stark vereinfacht als Nerdkultur bezeichnen würde.

Der erste konkrete Anlass ist schon knapp über eine Woche her, da habe ich mich mit einem sehr guten Freund auf ein Bierchen, oder zwei, getroffen. Dazu muss man wissen, dass er eigentlich der typische Offliner ist, und das meine ich hier sogar mal im absolut positiven Sine. Er ist so gut mit allen Freunden vernetzt – also in der Kohlenstoffwelt – das er diesen ganzen Onlinekram schlicht nicht braucht. Der PC lagert im Wesentlichen die Fotos der Digitalkamera, und dient ein wenig zum surfen, das war‘s dann auch.

Dem habe ich dann mal ein wenig vom Kongress, also dem jährlich stattfindenden Großevent des Chaos Computer Clubs, und vom Leben im und mit dem Netz im Allgemeinen erzählt. Die Reaktion war sehr angenehm, obwohl er im Prinzip nur den Kopf geschüttelt hat, weil es so komplett außerhalb seiner Welt ist. Was es so angenehm machte, war, dass er das wahrnimmt, und wir ziemlich gut über unsere verschiedenen Welten in denen wir Leben reden und diskutieren können. Wir sehen ja, dass jeder von uns in seiner Welt sehr zufrieden ist, und damit ist ja alles gut.

Ereignis Numero zwei war dann eine Diskussion auf der Mailingliste meines lokalen Hackerspaces. Vermutlich haben noch nicht viele von euch einen Hackerspace besucht. Wenn ihr die Gelegenheit dazu habt, solltet ihr das dringend mal nachholen, euch aber dafür den kompletten Abend Zeit nehmen, und unbedingt mit den Menschen dort reden und ein wenig die Atmosphäre aufnehmen.
Jedenfalls haben wir auf dieser Mailingliste festgestellt, dass es schon ein seltsamer Moment sein kann, wenn man das erste Mal durch die Tür kommt, und dann wie bei uns ein gutes Dutzend Leute schon da sind, aber eher beiläufig „Hallo“ sagen, und man sich zunächst mal etwas ignoriert vorkommt.

Das mag von Hackerspace zu Hackerspace sehr unterschiedlich ablaufen, ich habe auch schon von Spaces gehört, an denen man sowieso vorher Bescheid sagen sollte, bevor man vorbei kommt. Bei uns ist das jedenfalls nicht so. Wir haben zwei Abende pro Woche, an denen man sich darauf verlassen kann, das geöffnet ist, und dann kann, wer will, einfach reinschneien.

Nun ist es allerdings so, dass ich dort eher sporadisch und zum Beispiel nie Samstags anzutreffen bin. Ebenso wird es Mitglieder geben, die fast nie Mittwochs kommen. Es gibt also dort Menschen, die habe ich fast nie oder sogar noch niemals persönlich getroffen. Wenn dann jetzt jemand zur Tür reinkommt, ist es also normalerweise jemand, der sich dort auskennt, den ich aber einfach noch nicht kenne. Ist ja nicht so dramatisch, wenn der nett ist hat man ja noch ein paar Jahre sich kennen zu lernen. Wenn es allerdings tatsächlich ein Gast, oder gar ein potentielles neues Mitglied ist, ist das natürlich ‚ne blöde Situation. Der Noob steht dann dort, wie bestellt, und nicht abgeholt, bis das mal irgendwer bemerkt, und ein Gespräch anfängt.

Um es mal nett auszudrücken: Smalltalk ist nicht unbedingt eine der Kernkompetenzen unter Nerds.

Noob, als Ausdruck für einen absoluten Anfänger in nerdigen Dingen meine ich übrigens absolut nicht abwertend. Ganz im Gegenteil. So wie das anfänglich eher abwertende Wort „Nerd“ im Laufe der Zeit auch eine anerkennende Konnotation bekommen hat, haben sich auch die Noobs entwickelt.
Mal ungefiltert? Für mich ist ein Noob ein putziger Erstklässler, der nervös mit seiner Schultüte auf das erste Klingeln wartet. Und jetzt kommt der spannende Moment, denn wenn ich bei diesem Bild bleibe, bin ich dann plötzlich der Lehrer, der jetzt zusehen muss, das aus diesem Noob mal was Anständiges wird. Wir überlegen uns gerade auf unserer Mailingliste, wie wir diesen Erstkontakt für beide Seiten, aber vor allem für Neulinge am angenehmsten gestalten. Von daher würde ich gerne mal wissen, habt Ihr schon mal eine Nerd Veranstaltung besucht? Wie war es da beim ersten Mal für euch? Was war gut, was hätte euch den Einstieg erleichtert. Wir machen es bei uns in Münster normalerweise so, dass jemand, der als Neuling identifiziert wurde, zunächst mal die große Führung durch die Räume bekommt. Da es sich dabei um nur 2 Räume handelt, und er bereits den ersten betreten hat geht das recht schnell. Aber Noob hat mit demjenigen, der ihn da gerade herumgeführt hat schon mal eine Art Ansprechpartner für Fragen.Der Rest des Abends ergibt sich dann normalerweise.

Und damit kommen wir zum dritten Grund, warum ich unser digitales Lagerfeuer hier heute mal wieder angezündet habe. Heute Morgen hatte ich einen Tweet gelesen, der sich auf den Ticketverkauf für den in gut zwei Wochen stattfindenden Kongress bezog. Das ganze passiert online, und damit die ganze Transaktion ordentlich abgesichert ist natürlich auch verschlüsselt. Nun sind solche gesicherten Verbindungen normalerweise nahezu unsichtbar. Die meisten Browser zeigen irgendwo bei der Adresse der Seite eine grünes Häkchen, einen grünen Schlüssel, Schloss oder ein ähnlich Vertrauen erweckendes Symbol an. Das funktioniert deshalb, weil die Browser schon mit der Auslieferung eine Liste von digitalen Schlüsselherstellern im Bauch haben, denen sie uneingeschränkt vertrauen. Nun vertraut der gemeine Nerd (und gerade der CCC) absolut zu Recht aber niemandem, und nutzt daher keinen dieser Dienste, sondern erstellt seinen Schlüssel selbst, und lässt den von einer anderen Vertrauenswürdigen Stelle unterschreiben. Das führt dann dazu, dass die Browser das dem Benutzer mitteilen. Das passiert je nach Browser und Einstellung der Sicherheitsstufe mit Meldungen wie. „Ich kenn den Zertifikatshersteller nicht, aber egal“ bis hin zur Terrorsicherheitspanikmeldung, dass da vermutlich jemand etwas total böses mit deinem Computer anstellen will, was man ja schon daran sieht, dass er nicht den gleichen Firmen vertraut wie Microsoft.

Diese Meldungen gehören übrigens aus beruflicher Erfahrung zu den am häufigsten ignorierten Meldungen am PC. Und kaum jemand kann mehr sagen, was er da gerade weggeklickt hat.

Das konkrete Problem welches daraus entsteht, ist, dass jemand, der nicht weiß, wie er mit dieser Meldung umgehen soll (und Ignorieren funktioniert an dieser Stelle nicht) keine Tickets kaufen kann. Der Tweet der mich dann ein wenig aufgeregt hat enthielt dann ungefähr die Botschaft „Aber das ist auch ganz in Ordnung, jemand der dieses Problem nicht umschiffen kann, wäre auf dem Kongress eh fehl am Platz“ Wohlgemerkt, das war keine offizielle Aussage des CCC, ich glaube auch nicht, das sowas jemals aus der Richtung gesagt wurde, aber ich merke, wie der innere Nerd in mir schweigend zustimmt, und ich schäme mich dafür. Der kurze Tweetwechsel danach machte das Gefühl für mich auch nicht besser, Ich finde nicht, dass ich jemandem, der das Zertifikatsproblem nicht mit googlen in den Griff bekommt mangelndes Verständnis vorwerfen kann. Ich finde nicht mal dass man für den Besuch des Kongresses unbedingt Fachverstand mitbringen muss. Klar, es ist deutlich toller, wenn ich verstehe, was um mich herum gesprochen wird, aber ich finde, das einzige was jemand zum Kongress zwingend mitbringen sollte ist der Wille sich auf andere Menschen und andere Sichtweisen einzulassen und eine gewaltige Menge Neugier.

Wenn jemand bereit ist um die 80 Euro Eintritt für die 4 Tage auszugeben (ich kenne die genauen Preise in diesem Jahr nicht, da ich leider keine Zeit habe) dann gibt es da offensichtlich ein echtes Interesse. Für das Geld bekomme ich nämlich auch für 4 Tage Glühwein. Und in meinen Augen sollten wir ihn oder sie eben dort abholen wo er nicht mehr weiterkommt, damit dem Zusammentreffen mit uns nichts mehr im Wege steht. Wir hätten gerne, das mehr Leute so denken wie wir, scheuen uns aber zu oft dann die Mühe des drum kümmerns auf uns zu nehmen. Und nachdem ich mich selbst davon nicht ausnehmen kann, gelobe ich hiermit Besserung.

Die Arduina hat nämlich mit den @chaospatinnen auf dem Kongress ein tolles Projekt, das sich genau der Neulinge annimmt, ihnen eine Anlaufstelle bietet, und eben genau den niedrigschwelligen Einstieg anbietet, den ich mir wünsche. Ich kann wie gesagt in diesem Jahr nicht zum Kongress, aber „Arduina, du kannst mich fürs nächste Jahr 2 Tage auf die Patenliste schreiben.“

Und wo wir gerade dabei sind: Es gibt für Daheimgebliebene wie mich Live-Videoübertragungen vom Kongress unter dem Namen „No Nerd left behind“ also „kein Nerd wird zurückgelassen“. Wenn jemand Lust hat bei der Gelegenheit mal einen Hackerspace von innen zu sehen. Ich hätte Zeit.

Bis dahin,
kommt gut durch die Nacht

Euer Nachtnerd

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